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Greetje Bijma in der Kunstuniversität

Die "Fliegende Herzogin"

Barfüßig brillierte sie vor zwei Jahren mit ihrer Kollektion betörender Singstoffe in der Linzer Galerie MAERZ: Hollands attraktive Vokalfavoritin Greetje Bijma. Und barfüßig brillierte sie am Freitagabend bei "4020. mehr als Musik" in der Linzer Kunstuniversität. Die bravouröse Stimmakrobatin als "Fliegende Herzogin" im Alleingang. Wie sie alles in ihren quirlig gestalteten Singspielen fesselnd zusammenfügt, das besitzt Größe. Ein raffiniert inszenierter Zyklus in spektakulären wie allemal anspruchsvollen Kunst-Verhältnissen. Soliererei und Dialoge mit sich selbst, vokale Vielseitigkeit vom Hauch an der Hörgrenze zum Schrei. Alles mit viel Sensibilität und aus dem Effeff. Und Klanglüsternheit schlägt sich nie auf eine Seite des Populären. Tatsächlich war vieles in der Folge zwischen temperamentvoll formulierter Vokalise und eindringlich deklamiertem Text bereits damals im MAERZ zu hören. Bijmas geprüfte Bestände querdurch von einer vergleichbaren Obertönerei zum Vogelgezwitscher, von Jazz-Amerika samt growl-Klängen eines Blechbläsers nach Schwarz-Afrika mit Hervorhe-bung des Perkussiven, von Schmetterlingen in der Wüste zu Erinnerungen an Japan-Kirschen und Koto-Klänge. (ur)

Oberösterreichische Nachrichten, 27/5/2002

Klangmalereien wirken lange nach dem Konzert

Die 44-Jährige hat nichts mit Vermarktungsstrategien und Kommerzritualen am Hut, betreibt akustische Bildhauerei im besten Sinne des Wortes, wie sie - höchstens in ganz wenigen nur an- nähernd vergleichbaren Beispielen - ansonsten nirgendwo zu erleben ist. Ihre extravaganten Klangmalereien und manchmal archaisch anmutenden Koloraturen erfüllen den Saal, ihre Bühnenpräsenz und die prägnante Mimik fesseln in jeder Sekunde des Auftritts und wirken auch lange nach dem Konzert.

Neue Vorarlberger Tageszeitung

Königin des Klangs

Nein, der verträumt guckende Knabe will keine Kirsche. Kein Wunder, er ist ja auch aus Stein, hat keine Arme und Beine mehr und steht aufgespiesst auf einer Stahlstange in der Glyptothek. Allerdings könnte er sich ruhig mal erweichen lassen, wo ihm Greetje Bijma doch die imaginären Früchte mit so verfiihrerischem Singsang anbietet. Denn eigentlich ist die holländische Stimmkünstlerin, zu Gast bei Jazz & More, gerade gar nicht Greetje. Eher heisst sie Geyi Bei-Ma. Oder so ähnlich. Auf jeden Fall ist sie gerade ein kleines trippelndes Frauenpersönchen, dem man seine Fantasielaute glatt als Japanisch abnimmt. Es ist frappierend wie Bijma einem Chamäleon gleich in die verschiedenen Stimmtypen schlüpfen kann. Gerade eben noch hat sie kühle Vokalisen in das hohe Gewölbe der Glyptothek gesetzt und danach mit kehliger Oberton-Färbung ein imaginäres Volkslied geschmettert. Jetzt ist ihre Stinime fein und mädchenhaft und wechselt sich ab mit den zitternden Tönen der japanischen Langhalslaute. Natürlich nicht in echt. Es reicht, dass Bijma ein schnarrendes Ding-dang-dang durch die Nase schickt, und schon ist man versucht, sich umzuschauen, ob nicht tatsächlich irgendwo ein Instrument versteckt ist. Bijma reicht es nicht, zu singen und dabei zwischen rauchigem Blues und dramatischere Opernsopran zu changieren. Sie bereichert ihre Performance mit luftigem Vogelgezwitscher, init wummernden Digeridoo-Klängen und quäkenden Posaunen-Tönen - alles nur nüt Stimme und Mikrophon. Aus ihren Songs formt Bijma so kleine dramatische Szenen: erzählt zum Beispiel die Geschichte vom Grof3vater und dem kleinen Mädchen, das nicht sprechen wollte; oder die von Maria und Josef, die als Miriam und Giuseppe ein lebenslustig-deftiges Liebespaar abgeben. Gerne lässt sich Bijma in der Glyptothek vom Echo heffen, macht es zum Dialogpartner, dem sie lauscht und antwortet, so dass man manchmal gar nicht mehr weiss, wer von den beiden denn angefangen hat. Bijma ist nicht eine, sondem zehn Musikerinnen in einer, und sie erobert und belebt den Raum, als ob er für sie geschaffen wäre. So gesehen ist es wunderlich, dass der Knabe die Kirsche nicht wollte. Aber vielleicht schämte er sich vor so einer umwerfenden Frau. (Miriam Stumpfe)

Süddeutsche Zeitung, 2/6/2000